Archiv der Kategorie: Lyrik und Schule

Gegenwartslyrik in Unterricht und Schulprojekten.

Positionspapier Lyrik im Schulunterricht – G13

 

„In jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem dem
Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen”
-Walter Benjamin: Thesen zur Geschichte

Zur Relevanz lyrischer Praxis

Dieses Positionspapier argumentiert für die Veränderung der Lyrikvermittlung im Schulunterricht und für eine größere Sichtbarkeit von zeitgenössischen Autor_innen in Schulbüchern(1). Als Kollektiv junger Lyriker_innen(2) gehen wir davon aus, dass die Praxis des Dichtens wie auch die Diskussion darüber einen Raum generiert, der eine ganz besondere Form von Freiheit schafft, welche die Verwertungslogik von Sprache im alltäglichen Informationsaustausch reflektiert und überschreitet. In Gedichten werden Dinge und Zusammenhänge sagbar, die außerhalb von ihnen nicht formulierbar sind. In diesem Sinne bedeutet Lyrik ein Bewusstwerden über das Objekt (Sprache, Artefakte) und begünstigt eine Reflektion von Subjektivität als sehender, fühlender, denkender und herrschender Instanz. Damit ist der Lyrik die Möglichkeit multipler Perspektiven und die Offenheit für kontinuierliche Umdeutungen eingeschrieben – sie konstituiert eine Praxis der Andersheit. Lyrik öffnet einen Raum außerhalb alltagssprachlicher Zwänge, in dem die Möglichkeit zum Dissens bestehen bleibt. Lyrik ist ein Raum der Pluralität und damit ganz wesentlich ein Raum der Kritik bzw. der kritischen Praxis. Weiterlesen

Ernsthaftes Spielen: Oden an den Alltag – Matthew Burgess (Übers. Tobias Reußwig)

Was Studenten von Erstklässlern lernen können

Burgess-Zumari

„Der Mensch spielt als Kind […] unterhalb des Niveaus des ernsthaften Lebens.
Er kann auch über diesem Niveau spielen: Spiele der Schönheit und Heiligkeit.“
Johan Huizinga, Homo Ludens1

Wenn ich Leuten erzähle, dass ich sowohl Erstklässler als auch Studenten das Schreiben von Gedichten beibringe, sagen sie oft: „Das muss wirklich interessant sein.“ Sie nehmen ganz richtig an, dass es sich dabei um zwei völlig verschiedene Erlebnisse handelt – und in vielerlei Hinsicht haben sie recht. Die Kinder besitzen eine lebhafte Vorstellungskraft, aber ihnen fehlt ein großer Wortschatz; vielen bereiten auch die grundsätzlichen, handwerklichen Anforderungen des Schreibens Schwierigkeiten. Die Studenten haben mehr Ideen, mehr Erinnerungen und mehr Wörter, aber wenn man sie bittet, ein Gedicht zu schreiben, verkrampfen sie oder flüchten sich in Ausreden. Sie wollen, dass ihr Schreiben Sinn hat, oder sich auf eine bestimmte Art anhört, oder sie wollen eine gute Note bekommen. Die Jüngeren machen sich beim Schreiben weniger Gedanken um das Resultat. Sie bleiben im Augenblick, sie schauen, wohin der Stift sie führt. Sie lassen sich darauf ein, etwas auf der Seite entstehen zu lassen, das vorher nicht da war; sie entdecken die Wege, die ihr Geist geht; sie genießen die Reise die beginnt, wenn man ihnen erlaubt, auf dem Papier zu spielen. Weiterlesen