Archiv des Autors: w011edc8

Auf dem Weg zur Gegenwartslyrik – Elisabeth Dietz

Poetische Spurensuche

Was macht eigentlich die Lyrik? Man sieht sie nur noch selten in der Öffentlichkeit, und wenn, dann redet sie wirr. BÜCHER geht mal bei ihr vorbei und guckt, wie es ihr geht.

Eigentlich hatten wir immer ein gutes Verhältnis. Ich werde einfach bei ihr klingeln. Vielleicht lädt sie mich auf Tee und Kekse ein. „Weißt du noch“, werde ich sagen, „wie du ausgesprochen hast, was wir denken, bevor wir selbst davon wussten? ,Bedecke deinen Himmel, Zeus, / Mit Wolkendunst!‘ Du kanntest uns in-, wir dich auswendig.“ Sie wird stumm eine Augenbraue hochziehen und ich werde zugeben müssen, dass das ein blödes Wortspiel ist. „Und weißt du noch, wie du uns abgelenkt hast, als wir über uns selbst erschrocken waren?“, werde ich sagen. „,Unter eines Baumes Rinde / wohnt die Made mit dem Kinde‘?“ Sie in die Seite zu stoßen wäre wohl zu vertraulich. Hoffentlich hat sie überhaupt Tee und Kekse da.

Weiterlesen

Mit Dolly im „Second life“ – Peter Geist

Junge deutschsprachige Lyrik nach der Natur

Das Naturgedicht gibt seit der Ablösung von Abbildästhetiken – „nach der Natur“ – im 18. Jahrhundert kommentierend, beschreibend, imaginierend Nachrichten von der fortschreitenden Versehrung und Verheerung der Natur. Beschwor die Romantik noch einmal die Ganzheitlichkeit des Menschen als Natur- und Kulturwesen sowie seines Naturverhältnisses, so barg die Lyrik des 20. Jahrhunderts die Natur als Fluchtraum vor schwer erträglichen Gesellschaftsverhältnissen, als Gegenbild zur Feier der Urbanität wie in der „Kolonne“-Gruppe und der „naturmagischen Schule“, bei Britting, Lehmann oder Loerke. Anknüpfend an Brechts Ästhetik nahmen in den sechziger Jahren die Lyriker der „Sächsischen Dichterschule“ um Braun, den Kirschs und Mickel Georg Maurers Topos von der „Durchgearbeiteten Landschaft“ auf, um für eine sehr kurze Hoffnungszeit ein dialektisches Verhältnis von Naturbeherrschung und Natureingebundenheit zu inaugurieren. Das kippen musste, als in den siebziger Jahren Waldsterben und Ölkrise, Club-of-Rom-Bericht und saurer Regen einen Vorgeschmack auf kommende ökologische Desaster gaben. Gedichte von Erich Arendt, Richard Pietraß, Thomas Rosenlöcher,Volker Braun,von Heinz Czechowski, Günter Kunert oder Sarah Kirsch nahmen die Hybris von Fortschrittsglauben und Naturbeherrrschung kunstfertig, warnend und mahnend ins Visier. In ihrem Schlepptau grassierte allerdings die Textsorte Öko-Kitsch, die es nachfolgenden Dichtern erst einmal gründlich vermieste, sich dieser Motivik ernsthaft anzunehmen. Wo sie es dennoch unternahm, brach sie sie unter den Auspizien des Poststrukturalismus und der Dekonstruktion: Die Gedichtbände von Gerhard Falkner, Thomas Kling, Peter Waterhause oder Michael Donhauser seit den achtziger Jahren unternahmen es, Landschaft als Textur zu schraffieren. Auch deshalb war in den neunziger Jahren der Gedichttypus des Warngedichts scheinbar verschwunden in der öffentlichen Wahrnehmung, stattdessen reüssierte eine „biologische Lyrik“ vom Schlage Grünbeins oder Urweiders, die den generellen Bedeutungsverlust der Dichtung im Diskursgeflecht durch eine Integration von Wissenschaftsdiskursen etwa der Neurobiologie zu kompensieren suchte. Anthropologie versus Geschichte, Zoologie und Neo-Darwinismus versus Sozialwissenschaften, so lautete die flaue, desgleichen raffiniert verpackte Botschaft dieses Paradigmenwechsels. Dessen scheinbar antiideologische Verve ließ sich nahtlos einbinden als Schmankerl zu dem, was neoliberale Ideologie aufzutischen pflegt: Der Mensch als Selbstverwertungsmonade, a-sozial und allein auf sich gestellt, hat sich im Dschungel des Markts zu behaupten oder unterzugehen, das soziale Tier ist bestenfalls noch unter einer betriebswirtschaftlichen Marge verwertbar.

Weiterlesen

Der Beginn einer Reise – Tobias Nazemi

Eine Annäherung an die Gegenwartslyrik
Jan Wagner – Regentonnenvariationen

Ich gebe es ja zu – so ganz frei von Vorurteilen war ich nicht. Genau gesagt: ich war voll davon. Das passt nicht zu mir, dachte ich. Das macht ein Mann in meinem Alter nicht, einer, der mit beiden Beinen im Leben steht. Einer, der schon viel erlebt hat und dem man nichts mehr vormachen kann. So einer liest keine Gedichte! Niemals. Doch ein Mann in meinem Alter hat auch gelernt, dass ein Niemals einen niemals weiterbringt. Wenn hin und wieder im Leben die Wolkendecke aufbrechen und die Sonne durchscheinen soll, dann ist ein „Warum nicht?“, ein „Ich-probier-das-mal“ keine schlechte Option. Und so habe ich mit Regentonnenvariationen zum ersten Mal nach 25 Jahren wieder einen Lyrikband in die Hand genommen. Ein Buch, dem man schon vom Cover her ansieht, dass es nicht coole Poplyrik sein will und ich darin keine gereimten Schenkelklopfer finden werde. Ok, dann mal los, dachte ich mir.

Weiterlesen

Neue Poesie – Michael Gratz

Gäbe es den Begriff Neue Poesie, und er meinte nicht die Novitäten der Herbstmesse oder die Gewohnheit, den jeweiligen Gegenstand, wie etwa eine bestimmte Auswahl von Namen oder Texten, eine „Generation“, Richtung oder Schule abzugrenzen (wovon? vom breiten Hauptstrom dann wohl, Neoteriker oder Neutöner gibt es als Schimpfwort seit der Antike), sondern als sachliche Bezeichnung wie Neue Musik, die nicht eine Schule, Epoche oder Stilfarbe meint, sondern einen Sammelbegriff für Musik, die

durch – teils radikale – Erweiterungen der klanglichen, harmonischen, melodischen, rhythmischen Mittel und Formen charakterisiert [ist]. Ihr ist die Suche nach neuen Klängen, neuen Formen oder nach neuartigen Verbindungen alter Stile zu eigen, was teils durch Fortführung bestehender Traditionen, teils durch bewussten Traditionsbruch geschieht und entweder als Fortschritt oder als Erneuerung (Neo- oder Post-Stile) erscheint.

Weiterlesen

Warum heute Lyrik – Artur Nickel

Gedankensplitter

Lyrik heute ist ein Feind von Geplapper und Geschwätz. Sie sucht das Unverwechselbare, das Authentische, den individuellen Ausdruck. Sie zerschlägt Sprechblasen, Stereotype, Festgefügtes. Sie konzentriert sich sprachlich auf kleine Zusammenhänge, um diese möglichst präzise zu fassen und den Blick zu schärfen. Denn schon darin schlummern Welten. Man muss nur genau hinschauen. Weiterlesen

Positionspapier Lyrik im Schulunterricht – G13

 

„In jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem dem
Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen”
-Walter Benjamin: Thesen zur Geschichte

Zur Relevanz lyrischer Praxis

Dieses Positionspapier argumentiert für die Veränderung der Lyrikvermittlung im Schulunterricht und für eine größere Sichtbarkeit von zeitgenössischen Autor_innen in Schulbüchern(1). Als Kollektiv junger Lyriker_innen(2) gehen wir davon aus, dass die Praxis des Dichtens wie auch die Diskussion darüber einen Raum generiert, der eine ganz besondere Form von Freiheit schafft, welche die Verwertungslogik von Sprache im alltäglichen Informationsaustausch reflektiert und überschreitet. In Gedichten werden Dinge und Zusammenhänge sagbar, die außerhalb von ihnen nicht formulierbar sind. In diesem Sinne bedeutet Lyrik ein Bewusstwerden über das Objekt (Sprache, Artefakte) und begünstigt eine Reflektion von Subjektivität als sehender, fühlender, denkender und herrschender Instanz. Damit ist der Lyrik die Möglichkeit multipler Perspektiven und die Offenheit für kontinuierliche Umdeutungen eingeschrieben – sie konstituiert eine Praxis der Andersheit. Lyrik öffnet einen Raum außerhalb alltagssprachlicher Zwänge, in dem die Möglichkeit zum Dissens bestehen bleibt. Lyrik ist ein Raum der Pluralität und damit ganz wesentlich ein Raum der Kritik bzw. der kritischen Praxis. Weiterlesen

Ernsthaftes Spielen: Oden an den Alltag – Matthew Burgess (Übers. Tobias Reußwig)

Was Studenten von Erstklässlern lernen können

Burgess-Zumari

„Der Mensch spielt als Kind […] unterhalb des Niveaus des ernsthaften Lebens.
Er kann auch über diesem Niveau spielen: Spiele der Schönheit und Heiligkeit.“
Johan Huizinga, Homo Ludens1

Wenn ich Leuten erzähle, dass ich sowohl Erstklässler als auch Studenten das Schreiben von Gedichten beibringe, sagen sie oft: „Das muss wirklich interessant sein.“ Sie nehmen ganz richtig an, dass es sich dabei um zwei völlig verschiedene Erlebnisse handelt – und in vielerlei Hinsicht haben sie recht. Die Kinder besitzen eine lebhafte Vorstellungskraft, aber ihnen fehlt ein großer Wortschatz; vielen bereiten auch die grundsätzlichen, handwerklichen Anforderungen des Schreibens Schwierigkeiten. Die Studenten haben mehr Ideen, mehr Erinnerungen und mehr Wörter, aber wenn man sie bittet, ein Gedicht zu schreiben, verkrampfen sie oder flüchten sich in Ausreden. Sie wollen, dass ihr Schreiben Sinn hat, oder sich auf eine bestimmte Art anhört, oder sie wollen eine gute Note bekommen. Die Jüngeren machen sich beim Schreiben weniger Gedanken um das Resultat. Sie bleiben im Augenblick, sie schauen, wohin der Stift sie führt. Sie lassen sich darauf ein, etwas auf der Seite entstehen zu lassen, das vorher nicht da war; sie entdecken die Wege, die ihr Geist geht; sie genießen die Reise die beginnt, wenn man ihnen erlaubt, auf dem Papier zu spielen. Weiterlesen