Neue Poesie – Michael Gratz

Gäbe es den Begriff Neue Poesie, und er meinte nicht die Novitäten der Herbstmesse oder die Gewohnheit, den jeweiligen Gegenstand, wie etwa eine bestimmte Auswahl von Namen oder Texten, eine „Generation“, Richtung oder Schule abzugrenzen (wovon? vom breiten Hauptstrom dann wohl, Neoteriker oder Neutöner gibt es als Schimpfwort seit der Antike), sondern als sachliche Bezeichnung wie Neue Musik, die nicht eine Schule, Epoche oder Stilfarbe meint, sondern einen Sammelbegriff für Musik, die

durch – teils radikale – Erweiterungen der klanglichen, harmonischen, melodischen, rhythmischen Mittel und Formen charakterisiert [ist]. Ihr ist die Suche nach neuen Klängen, neuen Formen oder nach neuartigen Verbindungen alter Stile zu eigen, was teils durch Fortführung bestehender Traditionen, teils durch bewussten Traditionsbruch geschieht und entweder als Fortschritt oder als Erneuerung (Neo- oder Post-Stile) erscheint.

– also gäbe es das, dann müssten wir nicht zu elenden Hilfskonstruktionen wie „Junge Lyrik“, „Generation NN“ oder „Experimentelle Poesie“ greifen. Dann brauchten wir nicht die Literaturgeschichte in Jahrzehnte wie Schubläden einzuteilen, Vormoderne, klassische Moderne, Postmoderne oder Postpost säuberlich getrennt; denn dann wüssten wir, wie man in der Musik wohl weiß, dass „klassische“ und „neue“ Kunst nebeneinander und vermischt auftreten (Igor Strawinski, bei dem sich klassische Tradition, Folklore und diverse „neue“ Tendenzen bis hin zur Serialität mischen). Denn das ist ja die Situation im europäischen Raum seit den Alexandrinern, als zum ersten Mal das Gefühl aufkam, dass es zu viele Kunstwerke gäbe, als dass ein einzelner sie alle kennen und beurteilen könnte, wie es noch bei Platon und Aristoteles der Fall war. Also schufen sie den Kanon; und für die Kunstproduzenten gab es hinfort zwei Wege: entweder die Alten kopieren in der stillen Hoffnung, sie zu übertreffen (der klassische), oder es neu zu machen, Neoteroi. Einzeln oder gemischt.

Wenn es also Neue Poesie gäbe, müsste man sich nicht als Anhänger einer „Richtung“ (bist du vormodern oder postpost? Realpoet oder akademisch-unverständlich, lebensprall oder verkopft?) bekennen oder einordnen lassen. Der Kritiker müsste nicht ständig die Singularität seines Gegenstandes hervorheben, indem sie ihn zur Ausnahmepoesie erhöhte. Alles das. Dann könnte man die Kampfzeit für beendet erklären, in der um die Hegemonie der einen oder andern Richtung gestritten wurde, und die Koexistenz „klassischer“ und „neuer“ Dichtung ausrufen, die in mehr oder minder friedlichem Wettstreit um die Gunst des immer schmal bemessenen Publikums buhlen. Kommt aus den Schützengräben heraus, the war is over, rufen wir den Streithähnen und Kritikern zu. Und dem Publikum kommen wir entgegen: Lest, misstraut eurer Wahrnehmung, wägt ab, differenziert, versucht zu beschreiben. Ihr müsst euch nicht auf eine Seite schlagen, das ist vorbei. Nehmt euch was ihr brauchen könnt. Seht zu, wie sich eure Wahrnehmung erweitert. Misstraut auch den Doktrinen und Einleitungen. Die vorliegende will sagen: hier habt ihr eine Auswahl zeitgenössischer Neuer Poesie aus Deutschland. Auf sehr verschiedene Weise suchen die Verfasser nach Erweiterung der klanglichen, syntaktischen, rhythmischen Mittel, nach neuen Möglichkeiten Poesie zu machen (auch heute entstehen Gedichte selten, sondern werden gemacht, wie Gottfried Benn 1950 dem staunenden Publikum mitteilte), nach neuen Mischungen alter und neuer Stile und Formen, Vermischungen der Sprachen, Daseinsbereiche und Gattungen oder sie erfinden gleich ganz neue Sprachen. Ging es Catull oder Dante etwa anders?

Uljana Wolf sagt es so – nein, ihr Gedicht geht so:

oh such recognizing work. sie sagen überschuss, ich sage bluterguss,
blütenstuss. sie fluffen kissen auf, ich hisse: what can all that green
stuff be? a face is what one goes by, generally. oder war ich eine
pflanze und im keller ohne licht. ich meine das nicht wörtlich. später
schon. jaffa, haifa, alexandria. such recognizing work. sie sagen
vater noch, ich sage totenkopf – obwohl, ich hab ihn lange nicht
gesehen. sie halten mich fern, weil es mich anstrengt. sie stellen
personen ums bett, die ich nicht kenne, arrangieren augen links und
rechts von einer nase, in der mitte drunter mund, getragen nach gar
keinem letzten schrei.

Aber vielleicht ist es auch ganz anders. Herausfinden macht Spaß!


Michael Gratz, geboren 1949 in Merseburg, ist Literaturkritiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Neuere Deutsche Literatur und Literaturtheorie an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Er studierte Germanistik und Anglistik in Rostock und promovierte in Greifswald zum Thema Lyrikdebatten in der DDR 1953-1956. Seit 2001 gibt er das Blog Lyrikzeitung & Poetry News heraus. 2007 bis 2010 war er Mitglied der Jury des Peter-Huchel-Preises. Mitherausgeber des Pommerschen Jahrbuchs für Literatur und Vorstandsmitglied der Pommerschen Literaturgesellschaft (PomLit).

Dieser Beitrag wurde 2014 in der Anthologie displej. Zeitgenössische Poesie aus Tschechien, Deutschland und der Slowakei erstmals publiziert.